Von Hamburg nach Rügen mit dem Rad

Ich hatte noch Urlaub über, und ich wollte noch mal ein paar Tage mit dem Rad unterwegs sein. Im November…

Es gibt noch eine dritte FÜÜR Strecke (siehe auch FÜÜR1 DNFFÜÜR2), die von Hamburg zum Kap Arkona auf Rügen und dann über Plau am See zurück nach Hamburg geht – etwa 700km. So viel Zeit wollte ich aber nicht investieren, aber die Hälfte davon würde passen…

Also hab ich mal angefangen, zu planen. Entsprechend den Bedingungen im November (früh donkel, eher kalt, vielleicht auch nass). Unter den Umständen wollte ich nicht zelten. Ich bin früher genug auf dem Wasser gewesen, um noch gut zu wissen, wie es ist, in kalte, feuchte oder nasse Klamotten zu steigen und fühle mich zu alt dafür, zumindest im November.

Und lange in der Dunkelheit fahren muss ich auch nicht, zumindest nicht, wenn mit der Dunkelheit vor allem Kälte verbunden ist. Um fünf ist es aktuell stockdunkel.

Hamburg – Wismar sind so 140km, Wismar – Stralsund auch. Das sollte ich als Tagesetappe bequem hinbekommen. Schlafen wollte ich in Pensionen oder günstigen Hotels und bei Freunden.

Zum Strecke planen habe ich wieder bikerouter verwendet, und anstatt mit dem Aeropack bin ich mit ’normalen‘ Panniers, also seitlich am Gepäckträger hängenden Taschen, gefahren, weil man die leichter vom Rad ab bekommt, ohne den Gepäckträger vom Rad trennen zu müssen. Bei Hotelaufenthalten ist das angenehmer, wenn man das Rad nicht mit ins Zimmer nehmen kann.

Etappe 1 – Hamburg – Wismar

Nach einem späten Frühstück ging es los, erstmal von Harburg in die Stadt rein, und dann über den Nordosten von Hamburg Richtung Ratzeburg.

Der Weg aus der Stadt raus ist immer nicht so schön, trotz der Schleichwege, die Bikerouter findet, ist immer wieder mal ziemlich viel Verkehr.

Doch dann kommt es doch – Brettern auf Blättern. Ich habe Rückenwind, Sonne – eine tolle Herbststimmung.

Ab Ratzeburg fahre ich ein Stück entlang einer Bundesstrasse, allerdings ist der abgesetzte Radweg in wirklich gutem Zustand.

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt die ehemalige Grenze eine wichtige Station, hier ist allerdings nur noch ein Schild übrig (bei 91 km)

Wie man am Schatten sieht, neigt sich das Sonnenlicht langsam dem Ende zu.

Der Mond kommt raus, und es wird merklich kühler.

Leider verpeile ich es, mir meinen Zusatzscheinwerfer rechtzeitig (so lange es noch hell genug ist zum Fummeln) an den Helm zu stecken.

Inzwischen (nach etwa 125km) ist es dunkel und kalt – ich ziehe mir nach dem Lichtgefummel und der Hotelbuchung (komme ich gleich zu) am Handy dann doch mal Handschuhe an. Bis zu diesem Punkt bin ich komplett ohne gefahren, ich hab wegen November gar keine Handschuhe ohne Finger aber mit Dämpfung mit, und die mit Fingern sind mir tagsüber zu warm.

Die zusätzliche Lampe (Lupine Bilka) hab ich normalerweise am ‚Geräteträger‘, aber ich fahr ja gerade mit Lenkertasche, und die ist an der Vorderseite weich, ohne sinnvollen Montagepunkt.

Also hab ich die Lampe am Helm, den Leuchtteil vorne, den Akku hinten. Da die Lampe, wenn sie volle Pulle leuchtet, Flugzeuge direkt in den Landeanflug lockt, kann ich diese nur eingeschränkt (auf Wegen, auf denen mir keine Autos entgegen kommen) benutzen, oder eben genau dafür, damit die zügig ihr Fernlicht ausmachen.

Das klappt auch sehr gut (ich hab nen Bluetooth-Schalter am linken Bremsgriff). Auf geteerten Wegen ist die STVO-gerechte Beleuchtung auch hell genug, um zumindest noch aus dem Sattel zu gehen, bevor man über einen Wurzel/Frostaufbruch drüber knallt.

Ich hab die Lampe vorher noch nicht am Helm gehabt. Das ist schon schön, weil man einfach direkt dahin leuchten kann, wo man hinguckt und Licht braucht. Geraschel rechts – hingeguckt – zwei ziemlich große, vor allem nahebei glühende Augen mit ganz schön viel erstaunter Kuh hinten dran.

Hmm. Vielleicht will ich das dann doch nicht immer so genau wissen.

Die Hotelbuchung habe ich absichtlich erst von unterwegs und relativ kurz vor dem angepeilten Ziel gemacht – nicht, dass mir irgendeine Panne das versaut. Mit Hilfe von Googlemaps, die das an Booking und so weiter weiter reichen, geht das ziemlich einfach und schnell.

Kurz vor Wismar hab ich dann mit dem Handy bis zum Hotel navigiert (der Track wußte ja nix von meiner Entscheidung, genau dieses Hotel zu nehmen).

Da ich eh den gesamten geplanten Track als eine GPX-Datei habe, war ich völlig frei in der Entscheidung, früher oder später Schluss zu machen. Dafür hat man den kleinen Nachteil, dass man nicht auf den ersten Blick sieht, wie weit es noch in der aktuellen Etappe ist.

Das Hotel in Wismar liegt ziemlich ausserhalb, aber dafür sehr ruhig und auch günstig. Anscheinend ist es vor allem auf Monteure ausgelegt, die für ein paar Tage auf einer Baustelle sind, der Hof stand voller Handwerker-Bullies.

Ich hab das Rad mit aufs Zimmer genommen, das ging, weil die Zimmer keinen Flur, sondern so eine Art Laubengang davor haben und es trocken und damit das Rad sifffrei ist.

Das Zimmer hat ne reelle Heizung, die auch so gebaut ist, dass man da gut Klamotten trocknen kann.

Da ich keinen Bock mehr habe, noch mal aufs Rad und weiter in die Stadt zu fahren, um was zu essen, musste der Mäcces in 1,5km Fuss Entfernung herhalten.

Dabei laufe ich mir eine Blase am rechten Ballen, bestimmt weil ich als zweites Paar Schuhe nur Gummi-Birkis dabei habe und die (vom ganzen Tag in Winterradstiefeln noch feuchten) Socken nicht gewechselt habe.  Das ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil mir sonst nix weh tut – zumindest nicht vom Radfahren 🙂

Etappe 2 – Wismar – Stralsund

Ich wollte am zweiten Tag früher los, bin dann aber doch ziemlich lange am gut sortierten Frühstück hängen geblieben.

In meinem selbst zusammengestellten 1. Hilfepack ist tatsächlich ein Blasenpflaster, das ich auf den Ballen klebe. Mit den harten Sohlen der Radschuhe (und trockenen Socken) spüre ich von der Blase nix. Das ist schön.

Das Wetter sah wieder gut aus – weiterhin leichter Rückenwind und meist Sonne.

Um aus Wismar herauszukommen, muss ich erstmal durch eine Kopfsteinpflaster-Innenstadt (beim Planen nicht gut aufgepasst) und dann ziemlich bergauf. Um Wismar herum und bis hinter Rostock sind irgendwelche eiszeitlichen (End?)moränen, es geht schön hoch und runter.

Der Track wechselt schön zwischen geteert, Katzenköpfen und Dreck in verschiedenen Mahlgraden sowie Betonplatten in wechselndem Bröckelzustand.

Betonplatten mit großem Plattenabstand und zum Teil rausstehenden Moniereisen sind insgesamt eher nicht so schön:

Zwischendurch fahr ich auch immer wieder Landstrasse und ärger mich oft über zu wenig Überholabstand. Kurz nach einem besonders schnellem Überholer quert ein ganzer Sprung Damwild die Strasse (das Auto ist gerade so hinter den Büschen rechts).

Da haben ne Menge Biester und ein Idiot im Auto ziemlich viel Glück gehabt.

In Rostock (nach 60km) lege ich eine Pause bei einem Bäcker ein. Ich fühle in mich rein, ob mir nun irgendwas weh tut, während ich ein Mett-, ein Franzbrötchen und Kaffee zu mir nehme. Nö, irgendwie nicht. Die Blase nervt nicht, trotz zweitem Tag ohne Handschuhe geht es auch meinen Handballen gut. Mein Nacken ist etwas kalt, aber das hat mit den Temperaturen zu tun.

Rostock nervt, weil es so tut, als wäre es eine richtige Großstadt. Naja, es ist wohl eine. Endlich durch, wieder etwas auf die Hügel hoch, allerdings wird es jetzt sanfter als zwischen Wismar und Rostock.

Diesmal baue ich die Helmlampe rechtzeitig im Hellen an den Helm, und suche mir auch gleich ein Hotel in Stralsund in der Innenstadt.

Auf dem Weg dorthin benutze ich im Endanflug wieder Googlemaps, ich bin deutlich vor sechs an einer Apotheke um mir – just in case – noch Ersatzblasenpflaster zu kaufen.

In diesem Hotel bin ich anscheinend der einzige Gast. Das Rad darf drinnen unter der Treppe im Hotel-Treppenhaus übernachten.

Nach einer Dusche und dem obligatorischen Verteilen der Radklamotten auf alle verfügbaren Heizkörper schnappe ich mir die Kamera und gehe erst was Essen und dann noch etwas in der Altstadt spazieren.

Sehr nah am Hotel finde ich ein Braugasthaus, anscheinend ein Ableger der Hamburger Ratsherren Brauerei (in Hamburg Altes Mädchen, hier heißt es Dolden Mädel). Es gibt sehr viele interessante Sorten Bier, aber nach drei leckeren Versuchen und einer Portion Fish&Chips breche ich lieber ab, um noch ein bißchen umher zu torkeln und Fotos zu machen.

Zum Beispiel vom Rathaus und alten Hanse-Häusern, und von der Sundbrücke.

Stralsund hat immer noch eine sehr schöne Altstadt, ich finde es ist von den alten Hansestädten an der Ostsee die schönste. Aber anders als von mir gewohnt bin ich quasi alleine unterwegs. Es ist November, es ist dunkel, die sonst so quirlige Stadt ist ruhig, die Bürgersteige hochgeklappt.

Ich gehe also früh ins Bett, bin auch einigermaßen geschafft.

Etappe 3 – Stralsund – Kap Arkona – Ahrendsee

Am nächsten morgen bin ich schon früh beim Frühstück, es sind alle Tische eingedeckt, die Auswahl ist riesig. Aber irgendwas ist komisch. Nur auf meinem Tisch stehen Kaffee und Brötchen. Egal, ich lasse es mir schmecken.

Als ich nach dem Umziehen und Gepäck ans Rad popeln meine Keycard abgebe, ist das Frühstück komplett abgeräumt, obwohl noch 1,5 Stunden Frühstückszeit sind. Anscheinend bin ich wirklich der einzige Gast, dafür war das Frühstück bzw. deren Aufwand wirklich fantastisch.

Auf zum Kap Arkona. Viel früher los zu machen ergibt keinen Sinn, weil es dann klapperkalt ist. Wieder ist der Himmel blau, der Wind weht mässig als Rückenwind – naja, jedenfalls bis zum Kap.

Der Strassen(fern)verkehr geht über die neue, gigantische Hängebrücke, der Nah-, Fuss- und Radverkehr sowie die Bahn fahren über den alten Rügendamm.

Nach 13 Kilometern verlasse ich die Bundesstrasse und biege ab nach Norden. Vorbei an den Bodden und auf guten Plattenwegen weiter Richtung Wittower Fähre.

Auf den abgeernteten Feldern lungern große Mengen Kraniche (und auch Gänse) herum. Wenn ich mit dem Rad anhalte, wird aufgeflogen, obwohl ich echt weit weg bin. So viele Radfahrer scheinen die noch nicht gesehen zu haben, und vorbeifahrende Radfahrer scheinen auch nicht zu stören.

An der Wittower Fähre angekommen wird mir erklärt, dass die Fährfahrt ausschliesslich in bar entrichtet werden kann.

Die nötigen 2,80 € kratze ich mit Glück gerade noch so zusammen. Einen Fahrschein erhalte ich nicht (auch nicht auf der Rückfahrt). Ein Schelm, wer da an Brutto==Netto und Steuerbetrug denkt, oder?

Der Weg am Boden entlang ist das erste Stück mit kleinen Steinen gepflastert und hat viele Wurzel-Aushebungen. Nervt, weil ich deshalb auf den Weg gucken muss und meinen Blick nicht schweifen lassen kann.

Später kreuzt eine schwarze, einäugige Katze meinen Weg. Als ich anhalte, ist sie sofort da und streicht mir um die Beine.

Eigentlich wollte ich mich in Wiek nachverpflegen, aber ich bin so schnell wieder aus dem Ort raus… Dann auf dem Rückweg.

Nach 60km bin ich an der Nordküste von Rügen angekommen. Die Ostsee liegt unter der Steilküste still (durch den ablandigen Wind).

Weiter gehts an der Steilküste entlang Richtung Osten, zum Kap.

Kurz vor den Leuchtürmen ist es plötzlich wieder etwas belebter, Menschen gehen spazieren und sehen sich das Kap (also die eigentliche NE-Ecke, genannt Gellort) und die Leuchttürme an.

Ich war hier das letzte Mal irgendwann im tiefen Winter bei einer denkwürdigen Ingress-Aktion, bei der wir zwei Frösche beim Cheaten erwischt haben – so, dass deren ganze beschissene Aktion Sanduhr leider abgebrochen werden musste 🙂

Es gibt hier zwei Leuchttürme, einen kleinen, viereckigen, und einen größeren, so wie ihn Kinder malen würden.

Nach einem Nogger (ja, das gibts noch, oder es lag hier seeehr lange in der Truhe) geht es zurück Richtung Stralsund. Und sofort ist er da, der bis gerade nicht spürbare Fahrtwind ist nun ein ekliger Gegenwind.

Diesmal schaffe ich es, den kleinen Edeka in Wiek zu finden und decke mich mit Saft, Würstchen und Wasser ein. Rügen hat einen Nachteil, es gibt kaum Tankstellen, zumindest nicht auf der Route, der ich folge.

Ansonsten war es auf der Tour kein Problem, regelmäßig an Cola und Junk zu kommen, aber auf Rügen hab ich das vermisst.

Der Gegenwind nervt, dadurch ist es auch gleich kälter. Den folgenden Teil der Strecke kenne ich schon, das macht es auch nicht besser.

Die Sonne schickt sich an, hinter dem Horizont zu verschwinden, als ich wieder am Rügendamm beziehungsweise auf dem Dänholm ankomme.

Knappe 20km weiter Richtung Greifswald wohnen Freunde von mir, bei denen ich mich für die Nacht angekündigt habe.

Vorher halte ich doch noch mal an einer Tanke, und zu meinem großen Glück gibt es hier einen Würstchenknast, ein Behältnis aus Glas mit Wasserdampf und Würstchen drin. Hier gibt es sogar Krakauer. Das ist das, nach dem mein Körper verlangt: Salz, Fett und Zucker.

Für den Zucker kaufe ich eine Cola. Die Wurst ist der Hammer. Leider platzt sie am anderen Ende beim Draufbeissen und ich saue mir das auslaufende Fett auf den Lenker, das schmälert den Genuss etwas, weil ich das kaum wieder ab bekomme, aber was für eine Wurst!

Zufrieden und fettig rolle ich die letzten Kilometer bis nach Ahrendsee, dort gibt es netten Austausch, Wärme, Essen und ein Bett.

Am nächsten Morgen fahre ich noch ein paar Kilometer zu einem Regionalbahnhof und von dort mit der Bahn über Stralsund wieder nach Hamburg und von dort mit dem Rad nach Hause.

Die Bahn-App ist mal wieder lustig drauf und lässt mich kein Fahrradticket ziehen, die Schaffnerin in der Regionalbahn berichtet, dass das etwa der Hälfte der Fahrgäste so gehe, der entsprechende Menüpunkt taucht manchmal einfach nicht auf, auch nicht, wenn man eh Zug mit Fahrradmitnahme ankreuzt.

Fazit

Es waren dann etwa 440km in drei Tagen im November bei wirklich geilem Wetter.

  • Im Dunklen fahren war mir zu kalt 🙂 – außerdem kann ich 140km Etappen mehrfach hintereinander fahren, bei 210km oder mehr tut mir am nächsten Morgen alles weh, das ist also zumindest aktuell mehr ne Einmalgeschichte…
  • Alles in meiner rechten Packtasche habe ich nicht gebraucht, dort hatte ich meine Regenklamotten, Neopren-Handschuhe und -Überschuhe und andere Schlimmes-Wetter-Dinge drin.
  • Handschuhe als Schutz gegen Taubheit habe ich wichtiger eingeschätzt,  ich bin drei Tage quasi ohne gefahren, zumindest mit meiner Konfiguration von Lenker, Lenkerband, Sitzhaltung und so weiter geht das sehr gut.
  • Stirnlampe sieht zwar beknackt aus, macht aber Sinn im Dunklen. Man hat Licht, wo man hinguckt, es ist sehr viel höher als der normale Scheinwerfer, entgegenkommende Fernlichtfahrer hinter einer Kuppe sehen mein Licht etwa dann, wenn deren Licht auch meine Augen erreicht, das macht ein paar Sekunden weniger geblendet werden aus.
  • Hotels/Pensionen kurzfristig buchen hat in der tiefsten Nebensaison sehr gut funktioniert.
  • Fahren auf nicht geteerten oder allgemein sehr schlechten Belägen macht mich im Schnitt um 4km/h langsamer – das ist echt mehr als ich dachte.
    Wenn es mal schnell gehen muss, also eher Strasse fahren.
  • Blasenpflaster kleben wie die Pest. Selbst mehrfaches Duschen und dabei im Wasser stehen machen nix damit. Anscheinend trägt man die, bis sie abfaulen. Ich hab es in Hamburg vorsichtig abgepopelt.

Die Etappen bei Komoot:

 

 

Und zum Abfliegen bei Relive:

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert